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Tuesday, August 4, 2020

Finanzberaterin warnt vor ETF-Hype: Diese Entwicklung ist verstörend - FOCUS Online

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Interview mit Renate Fritz: Finanzberaterin warnt vor ETF-Hype: "Diese Entwicklung ist verstörend"

Wer von seinem Gehalt lebt, sollte als erstes einen Erwerbsausfall absichern, darauf weist Renate Fritz hin. Warum ETFs keine Heilsbringer sind, die Altersvorsorge einen langen Atem erfordert und nur wenige Frauen gerne zu ihr kommen, erläutert die Finanzberaterin im Gespräch mit FOCUS Online.

FOCUS Online: Frau Fritz, Sie beraten bei frau & geld seit über 30 Jahren Frauen. Wer kommt denn zu Ihnen?

Renate Fritz: Unsere Kundinnen kommen aus allen Bereichen und fast allen Berufen. Angestellte, Selbständige, Freiberuflerinnen, auch Künstlerinnen – wir haben wirklich Einblick auf unterschiedlichste Lebensläufe und Familienkonstellationen. Und fast jede von ihnen braucht ja in einer passenden Weise Risiko- und Altersvorsorge und/oder eine geeignete Möglichkeit der Vermögensbildung.

FOCUS Online: Nennen Sie doch einmal Beispiele.

Fritz: Es kommt die Erbin, die mit dem plötzlich üppigen Kontostand und geerbten Depots überfordert ist. Wir schauen dann, wie die unterschiedlichen Assets auf ihre Wünsche und ihre Bedürfnisse umgestellt werden können.

Oder die ältere Dame, die nie gut verdient hat, es aber geschafft hat, viel Geld anzusparen – weil sie sich selbst nichts gegönnt hat. Eigentlich will sie alles den Kindern geben, aber wegen der Negativzinsen kommt sie jetzt doch vorbei.

FOCUS Online: Und vermutlich auch Frauen nach Scheidungen, oder?

Fritz: Genau. Es besuchen uns Frauen, die mit Mitte 50 vor den Scherben ihrer Ehe stehen und die heruntergefallenen Teile neu zusammenfügen müssen, eventuell mit weniger Geld auskommen und sich häufiger nach langer Zeit wieder ins Arbeitsleben integrieren müssen.

Und es kommt vor, dass das Familiengericht entscheidet, dass Gelder des Exmanns in eine Altersversorgung fließen müssen.

„Das hat ja immer alles mein Mann gemacht“

FOCUS Online: So richtig gerne und aus freien Stücken kommt kaum eine?

Fritz: Eher wenige. Einige sagen mir scherzhaft, dass sie dieses Thema nicht mögen und es geschafft haben, bisher einen großen Bogen um Altersvorsorge und Finanzen zu machen. Viele Frauen beschäftigen sich erst mit der Materie, wenn sie müssen, also nach Trennung, Scheidung oder dem Tod des Partners. Da kommen dann Sätze wie „Das hat ja immer alles mein Mann gemacht“.

Letztens hatte ich eine langjährige Kundin am Telefon, die ein Formular der Bausparkasse nicht verstand. Zum Hintergrund: Er wurde zuteilungsreif und es beinhaltete die Handlungsoptionen. Aber sie konnte nicht herauslesen, was genau in diesem Brief stand. Sie meinte, sie bekommt bei jeglicher Art von Formularen augenblicklich Hautausschlag, und wenn dann auch noch Zahlen draufstehen, ist es ganz aus.

In solchen Fällen helfen wir natürlich weiter, deutschen aus was Sache ist, besprechen die Optionen mit ihr und finden eine Lösung.

Focus Online: Hat sich in den letzten Jahren die Klientel auch verändert?

Fritz: Es kommen seit einigen Jahren vermehrt gut verdienende Frauen, die viel dafür getan haben, ihren Top-Job auszuüben. Aber auch sie haben keine Zeit für die eigenen Finanzen und interessieren sich nicht sonderlich dafür. Diese Klientel wächst und wir denken dann für uns, dass es vielleicht auch ein bisserl unser Einsatz war, dass es mittlerweile mehr Frauen gibt, die selbstbewusst und erfolgreich und in vielen Fällen auch noch Mutter sind.

ETFs sind keine "Heilsbringer für alle"

FOCUS Online: Gibt es pauschale Empfehlungen?

Fritz: Um Gottes Willen, nein! Jede Frau ist anders. Jede Konstellation, jede Situation muss individuell bewertet werden. Da gibt es viel Arbeit für Finanzberaterinnen. Wenn ich lese, dass für alle zwischen 7 und 70 ausschließlich der MSCI World  und Tagesgeld das Gelbe vom Ei sind, frage ich mich, was das soll.

FOCUS Online: Das wird so wahrgenommen?

Fritz: Wir bekommen viele Anfragen per Email oder Zuschriften auf unsere Kolumnen – und in den letzten Monaten mehrten sich die Anfragen über ETFs. Da wollen 30jährige eine Empfehlung für einen ETF, um noch ein, zwei Jahre bis zum Immobilienkauf Geld anzulegen, viel zu kurz also, um in einen ETF zu gehen. Oder die schwerbehinderte 78jährige Witwe, die jetzt nach dem Tod ihres Mannes einen Teil ihrer geringen Rente in einen ETF stecken will. Sie hätte gelesen, dass sie hier zweistellige Renditen „einfahren“ kann. Diese Entwicklung, ETFs als Heilsbringer für alle zu sehen, finde ich verstörend. Das hat Züge von einem Hype und verlangt dringend nach einer Korrektur.

FOCUS Online: Was raten Sie denn?

Fritz: Für die Altersvorsorge braucht man einen langen Atem. Bei ETFs wirkt es so, als gebe es gar kein Auf und Ab an der Börse.

FOCUS Online: Und Ihre Schlussfolgerung daraus?

Es gibt keinen Bedarf für exklusive Frauenprodukte

Fritz: Ein Produkt ist nur dann gut, wenn es zur Person passt. Extra Frauenprodukte braucht es dabei nicht. Es ist alles da, es passt aber nicht alles zu Jeder oder Jedem.

FOCUS Online: Wie läuft denn eine Beratung ab?

Fritz: Nach einem ausführlichen Gespräch erstellen wir ein individuelles Konzept für Absicherung, Altersversorgung und Vermögensaufbau. Und zwar in der Dimension und mit den Produkten, die für die jeweilige Frau und ihrer Situation passen. 

Wir schauen immer auf die einzelne Kundin, fragen, was sie mit ihrem Geld erreichen möchte, und machen Vorschläge, wie sie ihr Geld sinnvoll und in ihrem Sinne für sich arbeiten lassen kann. Möchte jemand zum Beispiel ökologisch anlegen, wird das selbstverständlich berücksichtigt. Nachhaltigkeit in der Geldanlage ist ein großes Thema und es gibt immer mehr empfehlenswerte Möglichkeiten.

FOCUS Online: Und wenn sich die Lebensumstände ändern?

Fritz: Wenn sich die Lebenssituation nach ein paar Jahren verändert, muss nachjustiert, das Konzept angepasst werden. Daher denke ich, dass persönliche Beratung und laufende Betreuung auch in den kommenden Jahren wichtig bleibt und das kein Computer und keine App machen kann. Apps können die Abwicklung erleichtern, aber zuerst muss man persönlich ran und das Geld jeweils auf das richtige Gleis setzen – mit fachkundiger und erfahrener individueller Beratung.

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vt/

Coronacare



August 04, 2020 at 05:05PM
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